Akte Hertha BSC
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Good to Know — Was wenige wissen

Hertha BSC zwischen Skandalen und Sportgeschichte: Disqualifikation 1918/19 wegen Schwarzgeld, Lizenzentzug 1965, NS-Nähe und vier Jahre Zwangspause nach 1945, dazu der umstrittene Meistertitel 1931 gegen die Löwen.

Anfaenge und Gründung

Skandale gehören seit über 100 Jahren zur DNA des Klubs

Zwischen Europacup-Nächten und Bau-Possen liegt bei Hertha eine Konstante: finanzielle Unregelmäßigkeiten, die über ein Jahrhundert zurückreichen.

Hertha BSC ist ein Verein der Extreme. Zuschauer-Rekorde, magische Europacup-Nächte und Spitzenspiele im altehrwürdigen Olympiastadion folgen im Wechsel mit sportlichen Peinlichkeiten, Bau-Possen oder finanziellen Nöten. Das ist bekannt.

Was wenige wissen: Skandale, Disqualifikationen und finanzielle Unregelmäßigkeiten gehören quasi zur DNA des Vereins und sind keine „neue“ Hertha-Erscheinung, sondern mehr als 100 Jahre alt.

Sozialbauten in Berlin-Gesundbrunnen. Hier war früher das alte Hertha-Stadion. Foto: Imago Images/Joko
Sozialbauten in Berlin-Gesundbrunnen. Hier war früher das alte Hertha-Stadion. Foto: Imago Images/Joko

Disqualifikation 1918/19 wegen verbotener Handgelder

Hertha zahlte im Krieg Spielern verdeckte Prämien, flog auf und musste die Hinrunde 1918/19 ohne Ergebnis beenden.

In der Saison 1918/19 zahlt der Verein einigen Spielern unerlaubt Handgelder und wird nach der Hinrunde disqualifiziert. In der folgenden Saison dürfen die Spieler vom Gesundbrunnen wieder am Ligabetrieb teilnehmen.

Als Hertha BSC die Bundesliga verlassen muss, spielt Tasmania Berlin in der Saison 1965/66 in der höchsten Spielklasse. Foto: Imago Images
Als Hertha BSC die Bundesliga verlassen muss, spielt Tasmania Berlin in der Saison 1965/66 in der höchsten Spielklasse. Foto: Imago Images

Otto Fritze enthüllt 1931 Schwarzgeld und Ticketbetrug

Ein Ersatzspieler bringt im „8 Uhr-Blatt“ ans Licht, dass Hertha doppelt nummerierte Tickets druckt und Stars heimlich entlohnt.

In der Meistersaison 1930/31 macht der Ersatzspieler Otto Fritze im lokalen „8 Uhr-Blatt“ publik, dass der Verein (mal wieder) unerlaubte Handgelder und Prämien zahle und dass Eintrittskarten für „Gesellschaftsspiele“ mit namhaften Gegnern mit der gleichen Nummerierung mehrfach gedruckt worden seien, um den Gast bei der Einnahmenbeteiligung zu betrügen. Der Hauptkassierer tritt wegen dieser Praxis zurück. Der Berliner Verband klagt daraufhin drei angeblich besonders gut bezahlte Spieler – Hanne Sobek, Willi Völker und Willi Kirsei an, es kann aber nichts bewiesen werden.

Sobek steht schon kurz nach seinem Wechsel 1925 von Alemannia 90 zur Hertha vor den Schranken des Verbandsgerichts, denn Hertha will die obligatorische Ein-Jahres-Sperre umgehen und lässt den Nationalspieler in einem Freundschaftsspiel unter dem Decknamen Erich Poppe spielen. Das fliegt, wenig überraschend, auf. Während der Spieler mit einer Ermahnung davon kommt, muss Hertha eine Strafe in Höhe der Einnahmen des Spiels zahlen.

Das erste Aufstiegsspiel zur Bundesliga am 18.05.1968 in Essen. Hertha wird wieder erstklassig. Foto: Imago Images
Das erste Aufstiegsspiel zur Bundesliga am 18.05.1968 in Essen. Hertha wird wieder erstklassig. Foto: Imago Images

Bundesliga-Ära

NS-Nähe: Vier Jahre Zwangspause bis 1949

Das Bezirksamt Wedding stuft Hertha 1945 als nationalsozialistischen Fußball-Club ein und verbietet den Spielbetrieb bis August 1949.

Nach dem Zweiten Weltkrieg muss Hertha wegen zu großer Nähe zu den NS-Machthabern vier Jahre aussetzen. Das Bezirksamt Wedding vermerkt: „Der Hertha-Verein ist als nationalsozialistischer Fußball-Club im Jahre 1945 nach Kriegsschluss verboten worden.“ Das Verbot wird erst am 1. August 1949 aufgehoben, die ersten vier Jahre der Stadtliga Berlin verpasst Hertha BSC deshalb.

1965: Erster Klub mit Bundesliga-Lizenzentzug

Berlin als Insel im Kalten Krieg, Hertha als Magnet für West-Stars: Der DFB zieht 1965 die Konsequenz und entzieht die Lizenz.

In den turbulenten Anfangsjahren der Fußball-Bundesliga ist die geteilte Stadt Berlin als ,,Insel“ mitten in der Sowjet-Zone vom Start weg ein Sonderfall. Und Hertha liefert 1965 außerhalb des Stadions einen traurigen Rekord. Der Berliner Klub ist der erste, dem der Deutsche Fußball-Bund (DFB) die Lizenz für die 1963 gegründete Bundesliga verweigert.

Daran ändert auch ein bizarrer TV-Auftritt vom damaligen Hertha-Boss Wolfgang Holst (1922 – 2010) im Februar 1965 nichts. In der TV-Sendung des Sender Freies Berlin (SFB) mit dem bezeichnenden Namen ,,Wahn und Wirklichkeit“ erzählt er freimütig, dass 13 von 15 Konkurrenten“ in der Bundesliga ihren Spielern üppige Handgelder zahlen würden. Motto: ,,Det machen die Anderen doch ooch“.

Das rettet seinen Klub nicht. Eigentlich hätte Hertha BSC schon 1963 gar keine Lizenz für die Bundesliga bekommen dürfen! Um Stars aus dem Westen der Republik in die geteilte Stadt zu locken, zahlt der Verein mehr Geld als der DFB erlaubt.

Dieser ,,schwere Verstoß gegen das Statut“ in der Lizenzspieler-Ordnung des DFB führt dazu, dass Hertha BSC nach Ende der Saison 1964/65 als erster Klub die Bundesliga-Lizenz verliert. Laut DFB-Berechnungen fehlen den Berlinern Belege für 192.000 Mark, also umgerechnet fast 100.000 Euro – viel Geld für damalige Verhältnisse!

Tasmania 1900 rückt nach – mit Rekord-Negativsaison

Weil DFB und Springer-Verlag unbedingt einen Berliner Bundesligisten wollen, springt Tasmania 1900 ein und holt 8:60 Punkte.

Damit wird das Thema ,,Bundesliga in Berlin“ aber erst so richtig peinlich. Da der DFB und der in der Frontstadt des Kalten Krieges ansässige Axel Springer Verlag unbedingt einen Berliner Klub in der Elite-Klasse haben wollen, muss ein Berliner Team nachrücken. Der Berliner Stadtmeister Tennis Borussia Berlin und der Spandauer SV winken dankend ab und so muss Tasmania 1900 Berlin als Dritter der Berliner Stadtliga ins „kalte Wasser“ – und geht als schlechtester Bundesliga-Klub mit 8:60 Punkten (wohl) für alle Zeiten in die Geschichtsbücher ein.

Erst 1968 meldet sich Hertha nach dem Lizenzentzug im ,,Oberhaus“ zurück…

Neuere Geschichte

Späte 1920er, frühe 1930er: Herthas erfolgreichste Phase

Zwischen 1926 und 1931 stellt der Klub gleich zwei Rekorde auf, die heute kaum noch jemand kennt.

Die erfolgreichste Phase in der Geschichte von Hertha BSC sind die späten zwanziger - und frühen dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts. Das ist bekannt. Ziemlich unbekannt ist, dass der Verein in dieser Zeit zwei besondere Rekorde aufstellt.

Sechs Endspiele in Folge – Rekord bis zur Liga-Reform 1963

Nach vier verlorenen Finals in Serie galt Hertha als „Unglücksmannschaft des Reiches“, dann kamen die Titel 1930 und 1931.

Hertha BSC ist der zweite deutsche Verein (nach dem 1. FC Nürnberg), der seinen Meistertitel erfolgreich verteidigen kann. 1930/31 gelingt das Kunststück. Und die Berliner stellen 1931 mit ihrer sechsten Finalteilnahme in Folge einen Rekord auf, der bis zur Abschaffung der Endspiele um die Meisterschaft im Jahr 1963 von Schalke 04 (1937 – 1942) eingestellt, aber nicht mehr übertroffen wird.

Der Klub gilt dabei nach vier hintereinander verlorenen Finalspielen von 1926 bis 1929 als “Unglücksmannschaft des Deutschen Reiches”, ehe der Bann 1930 endlich gebrochen wird.

Meistertitel 1931: Zwei Abseitstore gegen die Löwen

Im Finale gegen 1860 München lag Hertha bis kurz vor Schluss 1:2 zurück – dann pfiff der Schiedsrichter zwei klare Abseitstore an.

Was auch nur wenige wissen. Der Titelgewinn der Hauptstädter im Jahr 1931 ist ein echter Skandal. Hertha ist im Duell mit den Münchner Löwen klar unterlegen und liegt bis kurz vor Schluss folgerichtig mit 1:2 zurück. Durch zwei mehr als eindeutige Abseitstreffer, der Schiedsrichter ignoriert jeweils die Fahne seines Linienrichters, gewinnt Hertha BSC noch mit 3:2.

Skandalfinale 1929 in Nürnberg

1929: Verlorenes Finale gegen Fürth in Nürnberg, mit Randale

Zwei Jahre vor dem Skandaltitel 1931 verliert Hertha sein viertes Finale in Folge – im feindseligen Nürnberg gegen Fürth.

Für Hertha-Fans ist der Sieg nur ausgleichende Gerechtigkeit. Denn zwei Jahre zuvor verliert Hertha BSC im vierten Endspiel in Folge zum vierten Mal. Dieses Mal gegen Fürth - in Nürnberg.

Ebenfalls in einem Skandalspiel. Die Anhänger des benachbarten 1. FC Nürnberg glauben, die Halbfinalniederlage ihres Vereins gegen Hertha BSC, die erste Niederlage der Nürnberger bei einer Meisterschafts-Endrunde und das erste Mal, dass sie bei einer Teilnahme nicht das Finale erreichen, sei auf gravierende Fehler des Schiedsrichters zurückzuführen. Sie bereiten den Hauptstädten einen mehr als feindseligen Empfang.

Auch während des Spiels gibt es ordentlich Randale und Bambule. Die Partie steht mehrmals kurz vor dem Abbruch, wird dann aber doch zu Ende gespielt. Fürth gewinnt mit 3:2 durch ein spätes Tor von Rupprecht in der 85. Minute.

Häufige Fragen

Was sind die wichtigsten Fakten über Hertha?
Hertha BSC gehört zu den traditionsreichsten Vereinen des deutschen Fußballs. Das Good-to-Know-Kapitel beleuchtet wenig bekannte Hintergruende und überraschende Geschichten aus der Vereinshistorie.
Welche historischen Wendepunkte gab es bei Hertha?
Drei Brüche prägen Herthas Geschichte: die Disqualifikation 1918/19 wegen Schwarzgeld, das vierjährige Verbot nach 1945 wegen NS-Nähe (aufgehoben am 1. August 1949) und der Lizenzentzug durch den DFB 1965 nach Ende der Saison 1964/65. Erst 1968 kehrte der Klub in die Bundesliga zurück.
Was macht Hertha besonders?
Hertha BSC hat eine einzigartige Identitaet im deutschen Fußball. Das Kapitel erklärt, was den Verein von anderen unterscheidet.
Was behandelt das Kapitel Good to Know?
Das Kapitel sammelt weniger bekannte Fakten zu Hertha BSC: die wiederkehrenden Schwarzgeld-Affären seit 1918/19, den Skandal-Meistertitel 1931 gegen 1860 München, die NS-Verstrickung mit Verbot bis 1949 und den Lizenzentzug 1965, der Tasmania 1900 in die Bundesliga spülte.
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